Seit einigen Tagen frage ich mich, wie ich ihn nennen soll, nun habe ich eine Bezeichnung gefunden: Berufsossi.
Das ist erst einmal gar nicht despektierlich gemeint. Seehofer ist ein Berufsbayer und Wowereit ein Berufsberliner.
Man redet halt seinen Wählern nach dem Mund, auch wenn das, was da mitunter rauskommt, falsch und fatal ist.
Ostpolitiker haben die Angewohnheit, Partei für die ehemalige DDR zu ergreifen. Wer in Brandenburg gewählt werden will, der darf es sich auch nicht mit den Sachsen verscherzen. Man versteht da keinen Spaß. Am besten kommt an, wer eine winzige Kritik an der DDR mit der riesenhaften Preisung der Vorzüge vermischt. Noch besser kommt an, wer sich die Kritik gleich spart.
Der Satz „Es war nicht alles schlecht“ gehört zum Standardrepertoire eines jeden Ost-Politikers, selbst wenn er aus dem ehemaligen Westen zugezogen ist. Da kann man denken, was man will, sagen darf man aber nur, daß die Polikliniken super waren, das Bildungssystem vorbildlich und alle Arbeit hatten. Das hört man gern im Osten. Der Ossi braucht Liebe, ich weiß das, ich komme von da und bin oft dort. Er fühlt sich verlassen, verraten und belogen.
Und er wird auch belogen. Ständig! Zum Beispiel lügen alle, die pauschal urteilen: „Es war nicht alles schlecht!“
Man muß differenzieren. Das System war eine Katastrophe.
Die Lebensleistung der Menschen im Osten ist genauso hoch zu achten, wie die der Westdeutschen.
Wer das Gesundheitssystem in der DDR beurteilen will, sollte sich die Ausstattung der Krankenwagen der DDR mit denen der BRD vergleichen… Das Bildungssystem hatte zum Ziel, aus allen Kindern und Jugendlichen parteitreue Werktätige zu machen, die nur eine Wahrheit kennen und glauben, die Weltscheibe endet hinter Kap Arkona und danach fällt man runter. Und daß es gut und richtig war, 1000 Werktätige an veralteten Maschinen Arbeiten verrichteten zu lassen, die auch 500 Werktätige an modernen Maschinen in der Hälfte der Zeit hätten verrichten können, will mir noch immer nicht einleuchten. Und wenn dann um 12 Uhr mal wieder die Maschine kaputt war, war erst mal Ruhe für ein paar Tage. Ersatzteilmangel. Jaja, jeder hatte Arbeit.
Doch es gibt auch schlimme aktuelle Lügen, Aufbau Ost genannt. Die Uckermark wird nie Wirtschaftsstandort Nr.1 in Europa! Das muß man den Menschen sagen, damit sie sich nicht an ihrer Region festklammern und hoffen, hoffen, hoffen bis aus zehn Jahren Arbeitslosigkeit 20 oder 25 geworden sind.
Die Glorifizierung der DDR ist allgegenwärtig und ihr gegenüber steht der Versuch einer Chlorifizierung, einer Reinigung der Vergangenheit, einer Aufklärung, aber manche möchten gleich die ganze Vergangenheit bereinigen. Ministerpräsident Matthias Platzeck tendiert manchmal stark in diese Richtung. Er ist ein Freund der Friedhofsruhe und plaudert seinen BrandenburgerInnen nach dem Mund, wann immer er kann. Er hat ja auch DIE LINKE im Nacken.
Als vor wenigen Wochen die Unrechtsstaatsdebatte losgetreten wurde, sagte Platzeck bezüglich des Umgangs mit ehemaligen Stasi-Spitzeln, 20 Jahre danach müsse auch gelten:
Hat der ehemalige IM Fehler erkannt und Konsequenzen gezogen? Oder verharmlost oder rechtfertigt er gar das Tun der Stasi?
Platzeck setzt auf Lippenbekenntnisse. Was soll er auch sonst tun? Selbst ein Platzeck kann niemandem die Schädeldecke aufklappen und nachschauen, ob sich einer nicht doch denkt: Damals bei Mielke war’s eigentlich ganz nett. Natürlich hat er recht, wenn er im SPIEGEL-Interview sagt, die Debatte über das DDR-Regime „widere“ viele Ostdeutsche an. Schließlich sind es ja 20 Jahre danach!
Ich verstehe die Anwiderung nur zu gut. Es ist eine ähnliche Anwiderung wie sie die ältere Generation empfunden hat, als sie sich 1968 von den Jugendlichen unbequeme Fragen stellen lassen mußte. Und die Anwiderung war noch größer, denn es war ja schon 23 Jahre danach! Vergangenheit kann lästig sein. Man wird sie nicht los.
An dieser Stelle sage ich wieder, weil man es ja immer wieder sagen muß:
Man kann die DDR nicht mit dem Dritten Reich vergleichen.
Ich habe mich in der Erklaerung schon öfter mit Ost und West 20 Jahre danach besschäftigt und empfehle an dieser Stelle dies zur Ergänzung. Zurück zu Platzeck:
Gestern kehrte er nun den Bastaman heraus. Und ich habe absolut nichts dagegen, wenn ein Ministerpräsident versucht, unselige Debatten zu beenden, problematisch wird es dann, wenn dieses Basta unseliger ist als die Debatte selbst und ins Widerliche abtriftet.
Nun geht es um die Brandenburger Polizei. Nach der Wende sind laut Innenministerium in der Polizei im Land Brandenburg 242 hauptamtliche und 1238 inoffizielle Mitarbeiter der Stasi festgestellt worden, entlassen wurden rund 600. Die CDU Brandenburg will nun eine erneute Überprüfung der übrigen Polizisten mit „Stasi-Hintergrund durchsetzen, doch da rennt sie beim Ministerpräsidenten gegen eine Mauer. Denn immerhin ist es ja schon 20 Jahre danach!
Ich halte es im Jahr 2009 für grundlegend falsch, die Polizei des demokratischen Brandenburg unter Generalverdacht zu stellen.
Und außerdem gebe es nach Platzecks Meinung „keine 100prozentige Gerechtigkeit“. Und er fügt, vermutlich in Erinnerung an Gazprom-Gerd, den Satz hinzu „Laßt die Kirche im Dorf!“
Lassen wir. Meinetwegen auch außerhalb des Dorfes. Nur bitte sagen Sie das den Opfern ins Gesicht, Herr Platzeck!
Die Sache mit dem Generalverdacht läßt sich durch eine erneute Prüfung wunderbar ausräumen. Wenn die Täter erkannt werden, sind eben alle anderen unschuldig. Einen Verdacht räumt man nur durch Ermittlung aus.
Hier geht es außerdem auch nicht um die Polizei, sondern um einzelne Polizisten.
Natürlich spricht sich DIE LINKE ebenfalls gegen diese Stasi-Überprüfung aus, man vermutet „politische Absichten“. Platzeck kann mit der LINKEN im Genick nichts anderes sagen. Vielleicht denkt er ja wenigstens anders.
Politische Absichten hatte die Stasi übrigens auch – vor 20 Jahren.
Und wer darunter auch nur den dünnsten Schlußstrich ziehen will, der widert mich an.
Update: Manchmal hat man am selben Tage eine ähnliche Eingebung, wie dieser Artikel bei Solokarpfen eindrucksvoll belegt.
Ich liebe diese Ost-Artikel! Der hier war besonders gut
http://dieerklaerung.wordpress.com/2009/01/21/der-sozialreport-2008-oder-die-ziehung-der-ossi-zahlen/
Ich musste das ganze Archiv durchwühlen, um den wieder zu finden
[...] Matthias Platzeck: Berufsossi « Die Erklaerung Nun geht es um die Brandenburger Polizei. Nach der Wende sind laut Innenministerium in der Polizei im Land Brandenburg 242 hauptamtliche und 1238 inoffizielle Mitarbeiter der Stasi festgestellt worden, entlassen wurden rund 600. Die CDU Brandenburg will nun eine erneute Überprüfung der übrigen Polizisten mit “Stasi-Hintergrund durchsetzen, doch da rennt sie beim Ministerpräsidenten gegen eine Mauer. Denn immerhin ist es ja schon 20 Jahre danach! (tags: stasi articles) [...]